Dummheit siegt

Na, hoffentlich nicht!

Betrachtet man die Menschheitsgeschichte, gibt es Entscheidungen, die – anders getroffen – zu weniger Leid geführt hätten, wäre man mit etwas weniger Toleranz gegenüber der instrumentalisierten Dummheit vorgegangen, wenn es also nicht als eine „Meinung“ akzeptiert worden wäre, dass etwa „Juden an allem schuld seien“ oder dass das Attentat von Sarajevo als ein Angriff auf den Staat gewertet worden ist. Und dabei ist weniger unser aller Alltagsdummheit gemeint, der wir allesamt nicht entkommen, sondern die Demagogie jener, die es verstehen, die Massen so zu instrumentalisieren, dass sie mit deren Dummheit Machtansprüche durchsetzen.

In der Einleitung zu einem Vortrag über die Dummheit sagt Robert Musil 1937 in Wien: „Einer, der so sich unterfängt, über die Dummheit zu sprechen, läuft heute Gefahr, auf mancherlei Weise zu Schaden zu kommen…“, man also selbst der Dumme ist, wenn man beginnt, über Dummheit nachzudenken. Der Vortrag selbst zielte bereits auf die Bedrohung aus Deutschland ab.

Daher bevorzuge ich die Definition von Heidi Kastner, die das Dumme auf die Handlungen der Menschen bezieht, dass also derjenige dumm ist, der Dummes tut. Der Demagoge ist es dann klarerweise nicht, weil es einen großen Unterschied macht, wer an die Wirksamkeit von Ivermectin glaubt. Dass wir Wähler einer Dummheit folgen, wird man verzeihen müssen, dass aber wahlwerbende Parteien und ihre Vertreter unmoralische, verlogene und sogar gefährliche Lügen unter dem Deckmantel irgendeiner der Grundfreiheiten verbreiten dürfen, das ist für mich ein illegitimer Standpunkt, dessen Freiheitsgrad man beschränken sollte.

Fakten und ihre Gegner

Fakten, für die wir die „Hand ins Feuer legen“ können, das sind das persönlich Erlebte und eventuell unser ureigenstes Fachgebiet. Diese sind aber nur ein ganz kleiner Ausschnitt unserer Welt. Kaum verlassen wir diese Fixpunkte, benötigen wir Vertrauen in die Mechanismen unserer Kultur auf deren Basis wir diskutieren können, zum Beispiel müssen wir den Erkenntnissen der Wissenschaft vertrauen, müssen wir vertrauen, dass Qualitätsjournalismus für unsere gemeinsame Wissensbasis wichtig ist und müssen auch den Mechanismen unserer Demokratie vertrauen.

Wer sich aus diesem Konsens ausnimmt, der gegen das alles ist, sollte so etwas wie ein alternatives Modell in der Tasche haben, denn wie uns die Geschichte zeigt, gibt es das nicht, Die einzigen Alternativen sind Zerstörung und Chaos.

Nebenwirkungen der Digitalisierung

So wie jede neue Errungenschaft bringt uns die Digitalisierung nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile, die man bei den ersten Schritten in die binäre Welt noch nicht in dem heutigen Ausmaß voraussehen konnte. Evolution folgt einem Weg, dessen Verlauf in einer Nebelwand liegt.

Allein die Nicht-Teilnahme an den digitalen Informationsangeboten ist auch keine Lösung, denn die Probleme bestehen dadurch trotzdem und man kann selbst nicht zur Problemlösung beitragen. Und es ist nicht nur Unsinn, was in Facebook&Co befördert wird. Hier zum Beispiel über den Unterschied zwischen Fakt und Meinung:

Fakten und Meinungen

Es gibt Fakten und Meinungen. Viele Menschen vermischen das aber.
Beispiel Impfung: Die Wirkung der Impfung ist ein Faktum. Dass die Impfung für fast alle sehr gut verträglich ist, ist auch ein Faktum. Man kann trotzdem gegen die Impfung sein, weil man der MEINUNG ist, dass Gesundheit und das Leben von Leuten zu retten, die gerade schwer krank sind (nicht nur mit Covid-19) kein erstrebenswertes Ziel ist. Man kann darüber diskutieren, ob man das Leben von Pensionisten oder Schwerkranken schützen sollte. Nur sollte man dann auch so ehrlich sein und klar aussprechen, dass man das Leben verschiedener Menschen unterschiedlich bewertet. Alles andere ist eine verlogene Doppelmoral.

Roman aus Facebook

Täter-Opfer-Umkehr

Das Denkmuster des rechten Randes unserer Gesellschaft ist die Umkehrung der Realität in Anlehnung an die Mutter aller Lügen: „Seit 5:45 wird zurückgeschossen.“ und sind Feindbilder, deren Rolle es ist, die heterogene Gruppe der Rechten zusammenzuschweißen.

Und wer waren die Lehrmeister? Zum Beispiel Papst Urban II, der mit dem Ruf „Gott will es“ zum Angriffskrieg gegen die Ungläubigen ungerufen hat. Ein Ruf, der heute noch das Motto im ÖVP-nahen Ritterbundorden ist (Spindelegger und die Ritter der Nächstenliebe (DerStandard)) und der sich durch jahrhundertealte Tradierung in uns eingebrannt hat und gegen das anzukämpfen fast so etwas wie Bürgerpflicht ist.

Die Aussagen von Herbert Kickl bei seinem ZIB-2-Interview mit Martin Thür am Dienstag, 28.12.2021 enthielten ebenfalls mehr Lügen als sonst was. Im Unterschied zu den 1930er Jahren wurden im OE1-Mittagsjournal am 29.12. die Fakten durch Peter Filzmaier wieder zurechtgerückt. Dass man aber als Wähler wachsam sein muss, kann man an der Situation in unserem Nachbarland Ungarn ablesen.

Es ist ein Unterschied, ob jemand bei der Samstagdemo irgendeinem der vielen Gegenkonzepte folgt oder ob er am Rednerpult diese Überzeugung hinausbrüllt. Es wusste schon Berthold Brecht „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.“

Bertold Brecht

Die digitale Lüge

Das verlustfreie Kopieren von Inhalten, die mittlerweile atemberaubende Animationstechnik, beispielhaft demonstriert im Film „König der Löwen“, sind die Zutaten digitaler Fake-News, Die Lüge begleitet uns in der digitalen Welt auf Schritt und Tritt. Aus den absichtlichen Verdrehungen der Wirklichkeit entstehen Fakes. Es können einfache Kettenbriefe oder komplizierte Videomontagen sein aber auch Betrügereien, auf die wir hereinfallen. Die Leichtigkeit, mit der im digitalen Alltag Meldungen verbreitet, Videos und Bilder verfälscht werden können, erschweren die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge.

Wirklichkeit und Satire

In diesem Zusammenhang schärft Satire unsere Sinne. Wie nah einander Wirklichkeit und Satire sein können, zeigt die erfolgreiche Publikation „Tagespresse“. Wenn man nicht sorgfältig liest, wer der Autor ist, kann man auf die beabsichtigten Falschmeldungen ganz schön hereinfallen.

Ein besonderer Coup ist der Tagespresse mit einer Webseite gelungen, die eine Kandidatur von Frank Stronach für die Bundespräsidentenwahl 2022 ankündigt und das mit einer durchaus vertrauensvollen Domäne https://teamstronach.at. Der Slogan ist „Erneuern wir Österreich“. Erst nach einer Nachdenk-Minute wurde klar, dass es sich um eine satirisch zu interpretierende Seite handelt.

Der Arbeitsaufwand dafür betrug laut Redaktion zwei Stunden, die Domäne teamstronach.at war offenbar vakant. Hier ist der Kommentar der Redaktion zu dieser Seite.

Fakt oder Fake

Die Fernsehsendung „Fakt oder Fake“ versucht, Fakes auf amüsante Weise zu enttarnen, vor allem aber wird unsere Aufmerksamkeit dafür geschärft, dass in der digitalen Welt Wahrnehmung und Wirklichkeit in einer Art auseinanderklaffen, wie wir es sonst nur bei der Darbietung von Illusionisten kennen.

Clemens Maria Schreiner führt durch die Sendung unterstützt durch drei populäre Kabarettisten. Weiters wirken in der Sendung Wissenschaftserklärer verschiedener Fachrichtungen mit. Die nächste Sendung ist am 14.1.2022.

Mimikama

Mimikama ist ein Verein, der sich zur Aufgabe gestellt hat, Behauptungen auf den Grund zu gehen, hat den bemerkenswerten Artikel „Ein Faktencheck ist keine Meinung“ veröffentlicht. Mitglieder von ClubComputer finden den ganzen Text im Ordner clubintern/dokumente/mimikama unseres cc|drive.

Ein Abonnement des Mimikama-Newsletters ist sehr zu empfehlen, besonders für regelmäßige Nutzer von Internet-Inhalten.

Ist jede Meinung zu akzeptieren?

Eine Dummheit kann jedem passieren, auch die Intelligentesten dürften davor nicht gefeit sein. In der Regel lernen aber Menschen aus solchen Situationen und sind dadurch ein bisschen klüger geworden.

Was ist aber mit jenen, die an einer einmal gefassten Meinung ohne jeden Zweifel festhalten, ähnlich wie bei einer religiösen Einstellung? Sie unterstellen im Sinne einer Täter-Opfer-Umkehr, dass die Mehrheit, der Staat, eine Oberschicht… ihre Meinung nicht respektiere und dadurch zu einer Spaltung beitrage, obwohl das gerade Gegenteil der Fall ist.

Heidi Kastner hat das in einem Standard-Artikel genauer analysiert. Sie meint dort, dass man nicht jede Meinung wertschätzen muss. Zitat: „Man darf dummen Leuten nicht zu viel Raum und vor allem nicht zu viel Macht geben, sonst kann es gefährlich werden“ (YouTube)

Dummheit und Selbstvertrauen

In den Bibliotheken der Aphorismen finden sich zahlreiche historische Beispiele, die den Effekt beschreiben, dass die Dümmeren gegenüber den Gescheiteren durch die lautstarke Verkündung eines Standpunktes im Sinne von „Taubenschach“ auffallen. 2001 bekamen zwei Herren für die Formulierung des nach ihnen benannten Dunning-Kruger-Effekts den IG-Nobelpreis. Der Effekt beschreibt, dass inkompetente Menschen dazu neigen, die Kompetenz anderer zu unterschätzen. Bertrand Russel hat das so beschrieben: „Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher und die Gescheiten so voller Zweifel sind.“ Viele weitere Zitate finden sich hier: „Wir über uns“

Visualisierter Dunning-Kruger-Effekt

Dummheit – Definition

  • Dummheit erster Art: Unser Leben, die Natur und Kultur geben uns zu lösende Rätsel auf. Dumm ist, wer diese Gesetzmäßigkeiten nicht erkennt.
  • Dummheit zweiter Art: Jemand sucht und findet Gesetzmäßigkeiten, obwohl es keine gibt.

Wer nicht intelligent genug ist, einen Sachverhalt unmittelbar zu erkennen, bekommt durch Investition von Zeit und Mühe (=Lernen) eine zweite Chance für Einsichten. In gewisser Weise ist Dummheit heilbar, doch steht der „Heilung“ das Selbstvertrauen der Dummen entgegen (siehe Dunning-Kruger-Effekt),

Die „Dummheit zweiter Art“ ist besonders widerstandfähig, weil ein Glaube an vereinfachte Weltmodelle religiöse Züge annehmen kann.

Die Rolle des Zufalls ist in diesem Zusammenhang nicht zu unterschätzen, denn Zufälle werden sowohl von Religionen als auch von Verschwörungstheorien nicht gerne akzeptiert. Sehr gerne wird in der Religion von „Fügung“ gesprochen, wenn es in das Bild eines „guten Gottes“ passt, ansonsten auch gerne von „Prüfung“. In den Verschwörungstheorien sind gerne „Mächtige Drahtzieher“ am Werk, die an die frühere Rolle Gottes erinnern.

Bereits 1872 verfasste Conrad Ferdinand Meyer die Novelle „das Amulett“, in der es um den Glauben an Wirksamkeit eines Amuletts geht, entgegen der gegenteiligen Ansicht, dass die meisten Dinge zufällig passieren. Dazu passt eine Erzählung rund um Niels Bohr, der in seiner Wohnung ein Hufeisen über einer Tür angebracht hat. Als Wolfgang Pauli ihn besuchte und erstaunt auf das Hufeisen blickte, erklärte ihm Niels Bohr, dass man sagt, dass das Hufeisen auch jenen helfe, die nicht daran glauben. Diese Anekdote rund um die beiden Nobelpreisträger wird gerne von der Kirche für die Wirkung von Glauben verwendet (bibelstudium.de). Und ob diese Vereinnahmung richtig ist, hängt allein davon ab, ob man den Satz von Niels Bohr ernst oder ironisch interpretiert.

Dummheit im Buch

Heidi Kastner sagt, dass man die Dummheit an den Handlungen der Menschen erkennen kann, ganz unabhängig von einem Intelligenzbegriff. Wer es noch genauer wissen will, wie Dummheit tickt, kann das im gleichnamigen Buch von Heidi Kastner nachlesen.

Dummheit in der Masse

Wenn jemand einen Unsinn redet, kommt er in der Regel in eine Psychiatrie – etwa, wenn jemand meint, er wäre Napoleon, nicht aber, wenn er es in einem Kollektiv tut. Das sieht man bei Religionen („Christus ist auferstanden“), beim Fußball („Rapid ist des Beste auf der Wöd“) oder bei den heutigen Schwurblern („Ivermectin hilft“, „Bill Gates ist an allem Schuld“). Gemeinsames Für-Wahr-halten kultiviert eine Lüge. Der spätere Nobelpreisträger Elias Canetti sammelte das Material für sein Hauptwerk „Masse und Macht“ durch Beobachtungen des Verhaltens der Rapid-Fans auf der Pfarrwiese als „die Entfesselung des Menschen in der Masse und die Herrschaft soziopathischer Machthaber über Menschenmassen“.

Das alles erinnert schließlich an den Satz: „Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind“ (Kurt Tucholsky zugeschrieben). 40% Zustimmung führten im Jahr 1933 zur Katastrophe, und je nach „Wetterlage“ schafft die Rechte in Österreich auch beachtliche Zustimmungswerte von bis zu 30%. Noch haben wir Peter Filzmaier, doch ein Blick über unsere östliche Landesgrenze zeigt, dass sich die Situation auch rasch verändern kann. Kritische Medien werden verboten, in der dortigen „illiberalen“ Demokratie benötigt die Opposition für einen Machtwechsel um 7% mehr Stimmen als die Orbán-Partei, ganze 300-mal wurde das dortige Wahlsystem zugunsten der Fidesz-Partei geändert.

Albert Einstein war in dieser Hinsicht Pessimist als er sagte; „Die Herrschaft der Dummen ist unüberwindlich, weil es so viele sind und ihre Stimmen genauso zählen wie unsere.“

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